Bestandsschonende Bestimmung von Wildbienen - Eine Nachweismethode für Experten

Die Schwarzfühler-Holzbiene (Xylocopa valga) ist entgegen der verbreiteten Auffassung leicht im Gelände lebend bestimmbar, wenn man die Merkmale kennt und das Tier fixiert

Übliche Nachweismethoden bei Wildbienen und den meisten Stechimmen sind der Kescherfang, aber auch Fallenfänge (Farbschalen, Malaisefallen). Jedoch besteht nur beim Kescherfang die Möglichkeit Wildbienen zu einem großen Teil (bis zu 97% der erfassten Individuen) mit sehr viel Erfahrung, einer 10x Lupe und einem Fixierungsglas bereits im Gelände zu bestimmen.  Lediglich einzelne - im Gelände nicht sicher bestimmbare - Individuen werden zur morphologischen Bestimmung mit dem Mikroskop der Natur entnommen und abgetötet. Auf diese Weise können Beobachtungen zum Verhalten (Blütenbesuch, Nistweise) gemacht werden, was die Kenntnisse zur Ökologie erweitert und die gezielte Förderung der Arten verbessert.

Unter dem Begriff "bestandsschonende Bestimmung" werden mittlerweile verschiedene Methoden zusammengefasst (Lebendbestimmug im Gelände mit Lupe, Fotobelege, eDNA), die teilweise nicht das volle Potenzial der Methode in der ursprünglich angedachten Vorgehensweise entfalten können.

Die ursprüngliche Definition der "bestandsschonenden Bestimmung von Wildbienen" stammt von Hans R. Schwenninger und wurde im Bundesprojekt "BienABest" erprobt und teilweise evaluiert.

Sie erfordert den Einsatz von ausgebildeten Artenkennern, die einen sehr guten Überblick über die Merkmale der meisten heimischen Wildbienen-Arten haben.

Kernaspekte der Methode nach Schwenninger:

  • Lebendfang & Freilassung: Die Bienen werden kurzzeitig gefangen (z.B. mit Kescher), bei Bedarf in einem Bestimmungsglas (Bestimmungswürfel) fixiert,  identifiziert und wieder freigelassen.
  • Artspezifische Merkmale: Zur Identifizierung werde morphologische Merkmale geprüft, die bei Benutzung eine 10x Lupe im Feld erkennbar sind (z. B. Behaarung, Färbung, Oberflächenstrukturen).
  • Als Nachweis und Beleg für extrem seltene Arten werden Makrofotos der Biene erstellt.
  • Bei unklarer Merkmalsausprägung werden einzelne Bienen wie bisher abgetötet, präpariert und mit dem Mikroskop morphologisch bestimmt.
  • Spezielle Bestimmungstabellen mit hochauflösenden Fotos können als Gedächtnisstütze zur Bestimmung im Gelände oder zur Auffrischung der Merkmale einer schwierigen Gruppe vor der Kartierung genutzt werden.
  • Standardisierung: Die Erfassung erfolgt nach standardisierten Richtlinien, und ist somit für Monitoring-Zwecke (Orts- und Zeitvergleiche) geeignet,
  • App-Entwicklung: Im Projekt „BienABest“ wurde eine App entwickelt, die als Bestimmungsschlüssel fungiert und die häufigsten 100 Wildbienenarten in Deutschland abdeckt. Ziel ist es über diese App alle heimischen und potenziell vorkommenden Arten mit Makrofotos abzubilden, um im Gelände die Merkmale prüfen zu können.

Vorteile der Lebendbestimmung:

  • Naturschutz: Besonders relevant, da alle Wildbienen nach der Bundesartenschutzverordnung geschützt sind.
  • Wiederholbarkeit: Untersuchungen (Bestandskontrollen) können ohne negative Auswirkung auf die Population wiederholt werden.

Diese Methode ist eine moderne Alternative zu klassischen Fangmethoden, bei denen Bienen zur Bestimmung abgetötet werden

Neue Methode braucht neue Bestimmungsschlüssel und erfahrene Artenkenner

Traditionell werden Bienen zur Bestimmung abgetötet. Alle aktuellen Bestimmungsschlüssel für Wildbienen basieren auf älteren Schlüsseln, die teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen  - und verwenden Merkmale, die oft nur an Präparaten unter dem Binokular erkannt werden, weil dies bisher die übliche Methode war. Jeder Schlüssel beschränkt sich aus Platzgründen auf wenige Merkmale zur Differenzierung der Arten, die den Autoren ausreichend erschienen. Nicht alle guten Bestimmungsmerkmale sind deshalb auch in die Literatur eingegangen: Der erfahrene Wildbienenexperte nutzt nämlich zusätzliche Merkmale, die er aufgrund der jahrelangen Arbeit mit Wildbienen selbst erkannt hat oder von Kollegen mitgeteilt wurden. Dieses Expertenwissen steht aber angehenden Artenkennern und Anfängern nicht zur Verfügung, was die Einarbeitung erschwert. Es ist deshalb notwendig, neu aufgebaute Bestimmungsschlüssel zu entwickeln, die auch solche Merkmale nutzen, die bisher weitgehend unbekannt geblieben sind und darüberhinaus zur Lebendbestimmung geeignet sind. Diese speziellen Bestimmungsschlüssel verkürzen die Ausbildungszeit für angehende Wildbienen-Kartierer, wodurch der Mangel an erfahrenen und fähigen Artenkennern behoben werden könnte. In Bestimmungskursen und Workshops können Anfänger auf ein Erfahrungsniveau gebracht werden, das zur sicheren Bestimmung der Arten notwendig ist.


Fünf Gesellschafter des Kompetenzzentrum Wildbienen arbeiteten im Projekt "BienABest" (Standardisierte Erfassung von Wildbienen zur Evaluierung des Bestäuberpotenzials in der Agrarlandschaft, 2017-2023) an unterschiedlichen Themen. Auch an der Erstellung von VDI- Richtlinien waren sie beteiligt.


VDI-Richtlinie 4340 Blatt 1

Biodiversität - Standardisierte bestandsschonende Erfassung von Wildbienen für ein Langzeitmonitoring // Biodiversity - Standardised population-friendly assessement of wild bees for a long-term monitoring

Erscheinungsdatum 2023-03

Herausgeber Technologies of Life Sciences

Seitenanzahl 28

Inhalt

Die Richtlinie beschreibt die Erfassung der Diversität von Wildbienen sowie Veränderungen ihrer Populationsdichten und Artzusammensetzung auf Grundlage der Richtlinie VDI 4332 Blatt 1. Hauptaugenmerk liegt auf einer bestandsschonenden Felderfassung für ein Biodiversitätsmonitoring. Die Richtlinie ermöglicht qualifizierte Aussagen über die Veränderung der Wildbienenbestände und damit indirekt die Wirkung von wildbienenunterstützenden Maßnahmen wie der Anlage von Wildbienenweiden und Nistgelegenheiten. Ebenfalls können beispielsweise Aussagen über einwandernde Wildbienenarten aus dem südlichen Europa und Grundlagen für eine Analyse gefährdeter Wildbienenarten zur Aktualisierung der Roten Liste der wirbellosen Tiere getroffen werden. Die standardisierte Erfassung von Wildbienen soll dabei mithilfe einer geeigneten Datenbankstruktur dokumentiert und für statistische Auswertungen verfügbar gemacht werden. Die Richtlinie wurde im Rahmen des Verbundprojekts BienABest erstellt.